oder: Warum plötzlich alle Haltung haben, sobald ein prominenter Mann im Spiel ist
Ich habe zu viel Zeit in den sozialen Medien verbracht.
Woran ich das merke?
Mein Nacken tut weh.
Meine Augen haben auf „unscharf“ umgestellt.
Und ich sitze da, scrolle mich durch kollektive Empörung und frage mich, seit wann eigentlich so viele Menschen über Themen reden, die sie jahrelang mit bewundernswerter Konsequenz ignoriert haben.
Ach ja.
Seit ein prominenter Mann involviert ist.
Plötzlich ist sie da, die große Haltung.
Die laute Empörung.
Die moralische Schnappatmung.
Und alle wirken, als hätten sie Diskriminierung, Machtmissbrauch und Übergriffigkeit höchstpersönlich gestern erst entdeckt.
Nur blöd, dass das alles nicht neu ist.
Nicht für Collien Fernandes.
Nicht für andere Frauen.
Nicht für andere Betroffene.
Und ganz sicher nicht für alle, die seit Jahren gegen genau diese Mechanismen ankämpfen.
Die Empörung kommt. Wie immer. Nur leider zu spät.
Menschen empören sich jetzt über das, was Collien passiert ist.
Jetzt.
Und ich frage mich unweigerlich:
Wo war diese Empörung, als sie schon vor Jahren davon gesprochen hat?
Wo war sie, als andere Frauen ähnliche Erfahrungen öffentlich gemacht haben?
Wo war sie, als diese Themen noch nicht groß genug waren, um sie bequem auf Instagram in die eigene Story zu klatschen und sich selbst dabei für besonders reflektiert zu halten?
Diese Kämpfe laufen nicht erst seit gestern.
Frauen und andere diskriminierte Gruppen kämpfen seit langer Zeit gegen Strukturen, die von Männern geschaffen, getragen und verteidigt wurden. Nicht theoretisch. Nicht historisch abgeschlossen. Sondern ganz real, ganz alltäglich und ganz gegenwärtig.
Und dieser Kampf ist kein inspirierender Kalenderspruch.
Er ist anstrengend.
Er ist kräftezehrend.
Er ist frustrierend.
Denn er bedeutet, sich immer wieder hinzustellen und zu sagen:
Das war nicht in Ordnung.
Das war respektlos.
Das war übergriffig.
Das war diskriminierend.
Das war Gewalt.
Und dann kommt zuverlässig irgendein Mensch um die Ecke und erklärt einem, man solle sich doch mal entspannen.
War doch sicher nicht so gemeint.
Man könne auch alles übertreiben.
Warum man denn so verbissen sei.
Warum man denn keine Ruhe geben könne.
Vielleicht, und das ist jetzt nur eine steile These, weil Menschen es irgendwann leid sind, sich ihren Respekt immer wieder neu erkämpfen zu müssen.
Respekt ist kein Bonusprogramm
Dieses ständige Aufstehen, Einordnen, Erklären und Aushalten kostet Kraft.
Unfassbar viel Kraft.
Deshalb gilt mein voller Respekt all jenen, die trotzdem nicht still werden.
Die trotzdem aufstehen.
Die trotzdem benennen, was falsch läuft.
Die trotzdem weitermachen, obwohl von außen oft wenig Unterstützung kommt und stattdessen lieber diskutiert wird, ob man das nicht alles ein bisschen netter formulieren könnte.
Nein.
Manchmal ist nett einfach nur ein anderes Wort für bequem.
Und bequem war Veränderung noch nie.
Was Collien angetan wurde, ist so ekelerregend, dass man kaum Worte dafür findet.
Und dass das ausgerechnet ihr Ehemann und der Vater ihrer Tochter gewesen sein soll, hebt das Ganze noch einmal auf ein Niveau, bei dem selbst die Sprache irgendwann müde den Raum verlässt.
Wie sieht man sich danach noch im Spiegel an?
Wie rechtfertigt man so etwas vor sich selbst?
Wie tritt man dem eigenen Kind gegenüber?
Ich weiß es nicht.
Mir fehlt dafür wirklich die Vorstellungskraft.
Und vermutlich auch die nötige moralische Verwahrlosung.
Besonders auffällig: Jetzt haben plötzlich alle Männer eine Meinung
Was mich bei all dem besonders fasziniert:
Auf einmal haben alle eine Meinung dazu. Besonders Männer.
Ob diese Meinung nun solidarisch klingt oder wieder irgendwo zwischen Relativierung, Selbstdarstellung und latentem Opferblaming herumtaumelt, ist fast schon zweitrangig. Entscheidend ist: Jetzt wird gesprochen.
Aber wo waren diese Meinungen vorher?
Als noch kein prominenter Mann involviert war?
Als Collien noch nicht wusste, wer dahintersteckt?
Als das Thema noch nicht groß genug war, um sich öffentlich daran zu profilieren?
Und noch wichtiger:
Wo wart ihr, als in eurem direkten Umfeld Menschen respektlos, herabwürdigend, rassistisch oder übergriffig behandelt wurden?
Wo wart ihr, wenn andere Männer sich danebenbenommen haben?
Wenn Grenzen überschritten wurden?
Wenn Frauen klein gemacht, lächerlich gemacht oder bewusst verletzt wurden?
Habt ihr da auch so entschlossen gesprochen?
Oder war da plötzlich Sendepause?
Zuschauen ist keine neutrale Haltung
Alle, die zugesehen haben, ohne etwas dagegen zu tun oder zu sagen, sollten einen Satz einmal ganz in Ruhe an sich ranlassen:
Schweigen ist keine Neutralität. Schweigen schützt fast nie die Betroffenen. Schweigen schützt die Täter.
Ja, das ist unangenehm.
Ja, das klingt hart.
Ja, ich nehme euch da in die Pflicht.
Zu Recht.
Nichts zu sagen, heißt stillschweigend zuzustimmen.
Vielleicht nicht begeistert, vielleicht nicht laut, vielleicht nicht mit Applaus — aber mit Wegsehen, mit Dulden, mit dem stillen Einverständnis, dass es schon irgendwer anderes regeln wird.
Spoiler: Dieser „irgendwer“ ist seit Jahrhunderten meistens die Person, die ohnehin schon betroffen ist.
„Aber ich bin doch einer von den Guten“
Ja, ich weiß.
Ihr gehört eh alle zu den Guten.
Ihr behandelt eure Frauen viel besser.
Ihr würdet sowas nie tun.
Ihr seid ganz anders.
Das mag in eurem Wohnzimmer hervorragend funktionieren.
Daheim kann man sich vieles schönreden.
Sich selbst eingeschlossen.
Aber Mut zeigt sich nicht zwischen Couch, Kaffeemaschine und Selbstbild.
Mut zeigt sich dann, wenn es unbequem wird.
Wenn man dem Freund widerspricht.
Dem Kollegen.
Dem Bruder.
Dem Bekannten.
Dem Typen, bei dem alle sonst immer lachen, obwohl nichts lustig ist.
Veränderung beginnt nicht in Gedanken.
Veränderung beginnt dann, wenn der Mund aufgeht.
Und eigentlich ist es nicht kompliziert:
Augen auf – Unrecht sehen – Mund auf – Unrecht ansprechen.
Wirklich.
So schlicht.
So machbar.
So selten.
Mehr ist es im Kern nicht.
Und genau daran scheitert es erschreckend oft.
Für alle, die glauben, das sei jetzt aber langsam genug Feminismus gewesen
Habt ihr eigentlich eine Ahnung, wie lange Frauen und andere diskriminierte Gruppen dieses Verhalten schon aushalten müssen?
Nein?
Dann hier ein kleiner historischer Hinweis, damit niemand so tun muss, als sei das alles ein spontaner Stimmungsausbruch von gestern:
Das Patriarchat entstand ungefähr zwischen 6.000 und 3.000 v. Chr.
Seit tausenden von Jahren wird vorgegeben, wer Macht haben darf, wer dienen soll, wer sich anpassen soll, wer laut sein darf, wer Rechte bekommt und wer gefälligst still bleibt.
Und seit wann wehren sich Frauen organisiert dagegen?
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.
1791 gilt als ein wichtiger Marker.
Also seit rund 235 Jahren.
235 Jahre Widerstand gegen mehrere tausend Jahre patriarchale Ordnung.
Und wie reagieren viele Männer darauf?
Mit Trotz.
Mit Gejammer.
Mit Abwehr.
Mit dem Eindruck, sie seien die eigentlichen Leidtragenden, weil Frauen und andere diskriminierte Gruppen es wagen, Rechte, Respekt und Gleichberechtigung einzufordern.
Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen.
Jahrtausende lang austeilen — aber sobald Gegenwind kommt, wird kollektiv geschnieft.
Das sogenannte starke Geschlecht wirkt in solchen Momenten erstaunlich empfindlich.
Und jetzt das mutige Gedankenspiel zum Schluss
Es war noch nie besonders angesehen, andere Menschen schlecht zu behandeln.
Gut, vielleicht in Kreisen, in denen schon der Tellerrand als Fernreise gilt und geistige Beweglichkeit als Verrat an der eigenen Weltanschauung gilt. Aber im Allgemeinen war menschenwürdiges Verhalten immer eine ziemlich solide Idee.
Und jetzt wird es ganz verrückt:
Wenn Menschen vor ihren Handlungen einmal kurz nachdenken würden, könnte daraus eventuell ein respektvoller Umgang miteinander entstehen.
Ich weiß.
Völlig irre und fast schon revolutionär.
Und noch verrückter:
Dann müssten sich hinterher vielleicht auch weniger Leute scheinheilig für ihre Entgleisungen entschuldigen. Diese halbgegarten Entschuldigungen, in denen nie das eigene Verhalten das Problem war, sondern höchstens, dass andere sich daran gestört haben.
Also wirklich noch einmal in aller Einfachheit, für alle im letzten Drittel des Raumes:
Denk nach, bevor du handelst.
Dann musst du dich nachher vielleicht weder erklären noch entschuldigen.Und bis dahin gilt:
Wer bei Unrecht schweigt, ist nicht friedlich.
Nur praktisch für die Falschen.

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